Finger weg – fünf Kopfschmerztherapien ohne Nutzen
Keine Amalgamentfernung, keine Migränechirurgie, keine überflüssige Bildgebung – Smarter Medicine benennt fünf Massnahmen, die bei Kopfschmerzen keinen nachgewiesenen Nutzen haben und Betroffenen mehr schaden als nützen.

Mehr ist nicht immer besser – das gilt besonders in der Medizin. Die gemeinnützige Schweizer Organisation Smarter Medicine setzt sich dafür ein, dass medizinische Massnahmen nur dann zum Einsatz kommen, wenn sie nachweislich nützen. Zu diesem Zweck publiziert sie sogenannte Top-5-Listen: Empfehlungen, die von medizinischen Fachgesellschaften erarbeitet werden und konkret benennen, welche Untersuchungen und Behandlungen in bestimmten klinischen Situationen keinen Mehrwert bieten – oder sogar schaden können.
Die neueste Liste widmet sich einem Thema, das Millionen von Menschen betrifft: Kopfschmerzen. Fünf Empfehlungen machen deutlich, wo in der Versorgung unnötige, teils sogar schädliche Massnahmen immer noch zu häufig eingesetzt werden.
Die fünf Empfehlungen im Überblick
1. Keine Wiederholung der Schädelbildgebung bei unverändertem Kopfschmerzphänotyp
Viele Betroffene mit chronischen Kopfschmerzen fragen nach einem erneuten Gehirnscan – oft aus dem Wunsch heraus, eine ernste Ursache auszuschliessen. Doch wenn sich die Kopfschmerzen nicht verändert haben, liefert ein wiederholtes MRT keine neuen diagnostischen Informationen. Auch kurzfristige Beruhigung durch Bildgebung hilft langfristig nicht. Die Empfehlung ist klar: Ein erneuter Scan ist nicht indiziert, solange der Kopfschmerzphänotyp stabil bleibt.
2. Keine Computertomografie zur Diagnostik nicht akuter Kopfschmerzen
Wenn eine bildgebende Untersuchung nötig ist, um eine ernste Ursache auszuschliessen – etwa eine Hirnthrombose, einen Tumor oder eine Hirnblutung –, sollte nicht reflexartig zur CT gegriffen werden. Die MRT ist der CT vorzuziehen: Sie ist strahlungsfrei, erkennt relevante Befunde zuverlässiger und ist in diesem Kontext die evidenzbasierte Wahl. Gleichzeitig sollte grundsätzlich kritisch abgewogen werden, ob überhaupt eine Bildgebung notwendig ist.
3. Keine Zahnextraktion bei anhaltendem idiopathischem Gesichtsschmerz
Der anhaltende idiopathische Gesichtsschmerz – früher als «atypischer Gesichtsschmerz» bezeichnet – tritt täglich auf, ohne klare Ursache und ohne zuverlässige Zuordnung zu einem bestimmten Nerv. Trotzdem werden häufig gesunde Zähne entfernt, in der Hoffnung, den Schmerz zu beheben. Studien belegen jedoch keinen Nutzen dieses Eingriffs. Die Extraktion gesunder Zähne zur Schmerzbehandlung ist nicht indiziert und kann die Situation verschlechtern.
4. Keine Migränechirurgie
Operative Eingriffe zur Behandlung von Migräne – beispielsweise an Muskeln, Nerven oder Blutgefässen im Kopfbereich – werden vereinzelt angeboten, basierend auf der Annahme, dass anatomische Strukturen Anfälle auslösen könnten. Die Datenlage dazu ist jedoch unzureichend. Die vorliegenden Studien gelten als methodisch ungenügend, und eine dauerhafte, destruktive Operation lässt sich auf dieser Grundlage nicht rechtfertigen.
5. Keine Entfernung von Amalgamfüllungen zur Behandlung von Kopfschmerzen
Amalgam wird seit dem 19. Jahrhundert als Zahnfüllung verwendet und enthält Quecksilber. Obwohl vereinzelt Berichte über Quecksilber als Kopfschmerzauslöser existieren, gelangt Quecksilber beim Menschen überwiegend über Umweltfaktoren in den Körper – nicht über Zahnfüllungen. Studien haben keine Verbesserung von Kopfschmerzen nach Amalgamentfernung nachgewiesen. Diese Massnahme wird daher nicht empfohlen.
Warum solche Listen wichtig sind
Über- und Fehlversorgung im Bereich Kopfschmerz ist kein Randphänomen. Wiederholte Bildgebung, invasive Eingriffe ohne ausreichende Evidenz oder das Entfernen gesunder Zähne verursachen Kosten, belasten Patientinnen und Patienten – und lenken von wirksamen Behandlungsansätzen ab.
Die Smarter Medicine-Empfehlungen sind kein Aufruf, weniger zu tun. Sie sind ein Aufruf, das Richtige zu tun: gezielt, evidenzbasiert und im Dialog mit Betroffenen. Für Fachpersonen in Apotheke, Praxis und Klinik bieten die Top-5-Listen eine konkrete Gesprächsgrundlage – und eine Chance, Patientinnen und Patienten vor unnötigen Massnahmen zu schützen.
Quelle:
Smarter Medicine Schweiz – Top-5-Liste Kopfschmerzen. www.smartermedicine.ch
Bild: JWEL/Adobe Stock
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